Das Jahr 2017

Mein zweites Jahr in St. Corona

Hier wieder ein paar Zeilen – über die Entwicklung meines Werkl-Projektes, über das Leben am Land in einem alten Haus, über mich – und meine Gedanken, die mir in meinem Leben da halt so kommen.

Nachdem ich ja schon einen Winter hinter mir hatte, dachte ich, dieses Kapitel schon abgeschlossen zu haben, da ja die Herausforderung „Winter“ schon bewältigt wurde. Aber ich musste feststellen: Winter ist nicht gleich Winter. Und der Winter - ganz speziell der Jänner 2017 - hatte es temperaturmäßig in sich. Bis minus 22 ° hatte es in der Nacht und auch untertags ist es oft nicht mehr als minus 10 ° geworden – einen ganzen Monat lang blieben die Temperaturen weit unter Null. Das war eine Herausforderung für mich und für meine Hühner. Aber – es haben sich Lösungen gefunden. Ich habe mich einfach in mein Atelier zurückgezogen, meine Schlafstätte in den Vorraum verlegt und nur noch diesen kleinen Teil des Hauses geheizt. Ich bin also in meine „Wohnung im ersten Stock“ gezogen – die war zwar nicht so groß, aber dafür warm. Und im Atelier ist eigentlich eh alles, was ich zum Glücklichsein brauche: meine Stoffe, meine Nähmaschinen, meine Farben, meine Malsachen, mein großer Arbeitstisch mit tollem Ausblick, mein vieles Material,… und eine Atmosphäre, die zum Gestalten und Schaffen anregt. Und auch das Lernen für die BOKU hat bei Temperaturen über 20° besser funktioniert.

Meinen Hühnern habe ich zwar im Herbst einen zusätzlichen Unterstand gebaut, der diente aber nur zum Schutz gegen Regen und Schnee, nicht gegen diese Temperaturen. Die Lösung für die Hühner war ein schnell zusammengebauter Stall in der Werkstatt.

Wenn die Temperatur in der Nacht unter minus 10 Grad gefallen ist, habe ich mir einfach jedes Huhn einzeln unter den Arm geklemmt und rein getragen. Sie waren dann für ein paar Tage „indoor“ – bis ich sie wieder einzeln schnappen und sie in ihren eigentlichen Stall bringen konnte. Fünf Mal habe ich sie diesen Winter rein und wieder raus transportiert – bis es dann Ende Februar endlich eine längere warme Phase gab und der Schnee, der zwei Monate alles bedeckte, geschmolzen ist und meine Henderln wieder in die Wiese konnten.

Gut – ihr merkt, dass das Wetter, das Klima und die Temperaturen sehr bestimmend im Leben in St. Corona sind. Aber es gibt natürlich schon auch noch andere Dinge zu berichten – so habe ich z. B. alle notwendigen Prüfungen für die Uni geschafft. Meine Befürchtungen, dass mein Hirnschmalz nicht mehr ausreicht, oder schon zu ranzig ist, um Prüfungen an der Uni abzulegen, haben sich als unbegründet herausgestellt.

Und am 25. Jänner war es dann in Sachen Behörden soweit! Ich war auf der Gemeinde in Altenmarkt und habe die Anzeige zur Privatzimmervermietung eingebracht und vergebührt. Jetzt sind auch alle Übernachtungen bei mir ganz offiziell. Vielen Dank noch mal dem Engerl in Gestalt eines Architekten, der die Kommunikation mit den Behörden übernommen hat. Ich hätte das alleine nie geschafft.

Ein ganz besonders schöner Moment war es auch, als am 8. Februar wieder das erste Ei im Nest lag. Ich lernte von meinen Hühnern, dass Hendln im Winter eigentlich keine Eier legen und man dann dem entsprechend sparsam über die Wintermonate mit den Eiern umgeht. Denn wenn man eigene Hühner hat, ist Eier kaufen ein NoGo. Wenn dann nach eineinhalb Monaten wieder ein Ei im Nest liegt, ist das ein ganz zauberhafter Moment. Da habe ich zum ersten Mal verstanden und gespürt, was Frühling mit Ostern und Eiern zu tun hat. Für das Verstehen und Spüren mancher Zusammenhänge muss man alt werden, bzw. weit ab von Supermärkten leben, die einem ja weismachen, dass es alles immer gibt.

Im Februar kehrt auch wieder die Sonne in meinen Garten zurück – ganz vorne bei der Hecke kommen die ersten Strahlen hin – Frühlingsgefühle machen sich breit. Bald fängt dann auch schon die Gartenarbeit an und meine Henderln freuen sich über das frisch umgestochene Beet und picken hoffentlich nicht nur die Regenwürmer raus, sondern auch das eine oder andere Schädlingszeug.

Auch wenn die Monate Februar und März schon noch mir und meinem Atelier gehören, so beginnen natürlich schon die Planungsgedanken für Osterwerkln und Werklwochen im Sommer.

So ist das Frühjahr mit Bilder nähen und malen, Garten- und Anpflanztätigkeiten und Werklplanungen vorüber gegangen. Es hat auch heuer wieder viele Kennenlernbegegnungen gegeben – und das ganz besonders feine war, dass alle neuen Familien über ihre Freunde, von mir und meinem Werklangebot erfahren haben. An dieser Stelle: Danke fürs Weitersagen!

Zu Ostern konnten wir dann den Frühling schon richtig begrüßen, mit wunderschönen Gartenkunstwerken in der Wiese und den gewohnten Bachwanderungen. Kindern ist es ganz selten zu kalt, um den Bach entlang zu wandern.

Mit Ostern beginnen dann auch wieder die Werklwochenenden und es hat mich sehr gefreut, dass sich so viele unterschiedliche Altersgruppen bei mir eingefunden haben. Das waren natürlich viele Kinder, um bei mir ein Wochenende Auszeit zu verbringen, das waren aber auch Studentinnen, um bei mir Ledersandalen zu machen, das waren Jugendliche, um bei mir ihren Klassenabschluss zu begehen, das waren auch erwachsene Frauen, um bei mir Buch zu binden und Papier zu marmorieren, oder Schmuck zu machen, oder zu Filzen,… also im Alter von 7 – 58 Jahren sind Menschen zu mir gekommen und haben Werkln, Natur, Bachrauschen, Hahnenkrähen und zwei Tage Auszeit aus der Großstadt genossen.

Die Rückkehr des Winters am 20. April war zwar kurz, aber doch heftig – 80 cm Schnee wollen erst mal weggeschaufelt werden.

Ja – und dann haben die Vorbereitungen für den Sommer eh schon wieder begonnen. Heuer waren es sieben Werklwolchen - ich konnte allerdings auf die Erfahrungen des vorigen Jahres zurückgreifen. So stand z.B. in den zwei Wochen Pause fast ausschließlich Schlaf nachholen am Programm.

Aber neben allen Vorbereitungen für die Sommerwochen und die Wochenenden freut es mich ganz besonders, dass ich nach vielen Jahren Haus umbauen und Werklprojekt aufbauen wieder zu meinem persönlichen, künstlerischen Schaffen gefunden habe. Nach vier Jahren sind wieder Bilder und Objekte in meinen Händen entstanden. Und ich war zufrieden. In meinem Wohnzimmer, wo sonst am Ende der Werklwochen die Werke der Kinder hängen, präsentierte ich für eine Zeitlang meine Arbeiten. Hier ein paar Ausschnitte:

Ende Juni waren dann alle Knochen für den Schmuck ausgekocht, alle Programme noch einmal ausprobiert, Materialien und Werkzeug besorgt und in Kisten verpackt. Auch wenn ich jetzt schon einige Jahre diese Wochen machen, so ist es dann doch auch immer wieder ein bisserl aufregend – ob bei den Werkstücken auch alles so läuft, wie ich mir das vorstelle, bzw., ob die Kinder und Jugendlichen von den Ideen und Materialien auch so angetan sind, wie ich selbst. Denn nur wenn einem ein Projekt selbst überzeugt und man Spaß beim Umsetzen hat, kann man diese Lust auch weiter geben.

Am 1. Juli begann ganz offiziell meine Selbstständigkeit – Sissi Nielson, Ein-Personen-Unternehmen – Handwerks- und Kunstunterricht. Und am 2. Juli kamen die Kinder der ersten Woche. Es waren heuer - wie ich meine - sieben gute Wochen.

Jetzt könnten vielleicht manche meinen, dass es superfad für mich ist, sieben Wochen das gleiche Programm anzubieten – es ist aber für mich immer wieder faszinierend zu sehen, wie unterschiedlich die einzelnen Arbeiten aufgenommen werden, wie unterschiedlich die Dynamik in den Gruppen ist und wo die jeweiligen Schwerpunkte der einzelnen Wochen liegen. Das ist bei einer Gruppe der Bach, bei der anderen der Wald, bei der nächsten das Bauen von Hütten oder Lagern und bei manchen ein bestimmtes Spiel. Manche Kinder kommen ja zwei Wochen und auch sie haben das bestätigt – die einzelnen Werklwochen kann man gar nicht vergleichen.

Es gibt für die Werklwochen im Sommer natürlich einen Rahmen, einen Plan, ein Konzept – das sind alles so strenge und hochtrabende Worte – vielleicht trifft es der Begriff Grundidee am besten. Innerhalb dieser Grundidee sind aber Varianten möglich und haben weitere Ideen Platz. Und wenn zehn unterschiedliche Persönchen eine Woche mit mir verbringen, dann ist die Ausformung der Wochen eine jeweils für diese Personengruppe passende. Dieses dafür nötige flexibelsein, dieses Spüren und Wahrnehmen, was passt und was nicht gelingt mir nicht immer, aber doch recht oft. Das macht dann auch für mich jede Woche zu einer neuen und spannenden Herausforderung.

Eine dieser Grundideen ist, dass Kinder und Jugendliche unterschiedlichen Alters gemeinsam eine Woche verbringen. Aus dieser Mischung ergeben sich ganz eigene Dynamiken, von denen wirklich alle profitieren. Wenn die Älteren den Jüngeren helfen, oder sie bei Bach- und Waldentdeckungen mitnehmen, dann bekommen sie dafür ganz viel Bewunderung und Respekt. Manchmal müssen sie sich aber dann auch lernen abzugrenzen, wenn sich unter sich sein wollen. Oft können aber die Älteren aber auch durch die Lust am Spielen, Kindischsein, Hütten und Lager bauen angesteckt werden und dabei nach einer Zeit des älter, reifer und auch oft cooler und lässiger werden, wieder mal total blöd und kindisch sein. Das, so glaube ich, ist auf dem, doch oft recht anstrengenden Weg des Erwachsenwerdens ein großer Schatz, wenn man immer wieder die lustig, leicht, unbeschwert, verspielte Seite in sich entdecken kann. Und auch die Jüngeren können sich mal ins „ein bisserl auf Groß machen“ einlassen.

Dann kam der September – die Zeit zum Ausschlafen, zum alles Wegräumen, zum Rückschau über den Sommer halten, zum Holz für den Winter einschlichten, zum viel im Garten arbeiten,…

Mit dem Oktober begannen dann die herbstlichen Werklwochenenden, die mit dem Adventwerkln enden.

Am Sonntag, den 17. Dezember, sind dann die letzten Kinder für das heurige Jahr nach Hause gefahren – und da hat sich dann fast eine bisserl feierliche Stimmung in mir breit gemacht – ein ganzes Jahr mit vielen, lieben Gästen ist zu Ende gegangen. Jetzt zieht die Sissi wieder in die Wohnung in den ersten Stock und kann sich drei Monate ihren Gestaltungen und Gedanken widmen. Das ist schön.

Mein Projekt ist dieses Jahr ein gutes Stück vorangekommen, aber ich kann immer noch nicht sagen, ob es sich wirklich ausgeht. Aber ich kann sagen, dass ich sehr zuversichtlich bin.